Freiarbeit – selbstständig und im eigenen Tempo lernen
Freiarbeit ist eine Form des offenen Unterrichts, die in verschiedenen Klassen unserer Schule einen festen Platz im Schulalltag hat. Sie eröffnet den Schüler*innen die Möglichkeit, innerhalb eines vorbereiteten Rahmens zunehmend selbstständig zu arbeiten, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen.
Gerade im Förderschwerpunkt ganzheitliche Entwicklung bietet Freiarbeit besondere Möglichkeiten: Lernvoraussetzungen, Lerntempo, Interessen und Unterstützungsbedarf können sehr unterschiedlich sein. Eine vorbereitete Lernumgebung ermöglicht es, Lernangebote so zu gestalten, dass Schüler*innen auf ihrem jeweiligen Entwicklungs- und Kompetenzniveau tätig werden können.
Eine vorbereitete Lernumgebung
Eine wichtige Grundlage der Freiarbeit ist die vorbereitete Lernumgebung. Unterschiedliche Materialien werden übersichtlich, zugänglich und möglichst so angeboten, dass die Schüler*innen erkennen können, womit und wie sie arbeiten können.
Die Materialien können unterschiedliche Lern- und Entwicklungsbereiche ansprechen, beispielsweise:
- Lesen und Schreiben
- Mengen, Zahlen und Größen
- Wahrnehmung und Zuordnung
- Feinmotorik und Geschicklichkeit
- logisches Denken und Problemlösen
- Gestalten und kreatives Arbeiten
- lebenspraktische Fähigkeiten
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Materialien bereitzustellen. Entscheidend ist eine bewusste Auswahl, die zu den individuellen Lernzielen der Schüler*innen passt und selbstständiges Handeln ermöglicht.
Wahlmöglichkeiten innerhalb eines verlässlichen Rahmens
„Frei“ bedeutet in der Freiarbeit nicht, dass ohne Regeln oder Lernziele gearbeitet wird. Die Offenheit besteht vielmehr darin, dass die Schüler*innen – entsprechend ihren individuellen Möglichkeiten – Entscheidungen über ihr Lernen treffen können.
Dazu können die Wahl des Materials, des Arbeitsplatzes, der Reihenfolge von Aufgaben oder der Sozialform gehören. Manche Schüler*innen arbeiten selbstständig, andere benötigen Bildkarten, Symbole, einen Arbeitsplan, eine begrenzte Auswahl oder persönliche Unterstützung.
Damit verbindet Freiarbeit Selbstbestimmung mit Struktur. Der Rahmen wird pädagogisch vorbereitet, innerhalb dieses Rahmens entstehen echte Entscheidungsmöglichkeiten.
Selbsttätigkeit als pädagogisches Prinzip
Ein wesentliches Prinzip der Freiarbeit ist die Selbsttätigkeit. Lernen soll nicht ausschließlich dadurch entstehen, dass eine Lehrkraft Aufgaben vorgibt und deren Bearbeitung Schritt für Schritt steuert. Die Schüler*innen sollen zunehmend selbst ins Handeln kommen.
Sie wählen aus, beginnen eine Tätigkeit, führen sie durch, überprüfen Ergebnisse, holen sich bei Bedarf Unterstützung und beenden ihre Arbeit. Je nach individuellen Möglichkeiten kann dieser Prozess vollständig selbstständig erfolgen oder durch Strukturierung, Visualisierung und Begleitung unterstützt werden.
Damit werden neben fachlichen Kompetenzen auch grundlegende Fähigkeiten gefördert, die für selbstständiges Lernen und Handeln bedeutsam sind: Entscheidungen treffen, eine Tätigkeit beginnen und zu Ende führen, Aufmerksamkeit aufrechterhalten, Schwierigkeiten bewältigen, Hilfe einfordern und Verantwortung übernehmen.
Individuelle Lernwege ermöglichen
Freiarbeit bietet gute Möglichkeiten zur inneren Differenzierung. Schüler*innen einer Lerngruppe müssen nicht zur gleichen Zeit dieselbe Aufgabe auf demselben Schwierigkeitsniveau bearbeiten.
Ein gemeinsamer Lerngegenstand kann beispielsweise mit konkreten Gegenständen, Bildern und Symbolen, Zahlen oder Schrift bearbeitet werden. Aufgaben können hinsichtlich Umfang, Abstraktionsgrad, benötigter Unterstützung und Arbeitstempo angepasst werden.
Damit orientiert sich Freiarbeit nicht an einem einheitlichen Lernweg, sondern an den individuellen Lernvoraussetzungen und nächsten Entwicklungsschritten der einzelnen Schüler*innen.
Das entspricht einem zentralen Auftrag des Förderschwerpunkts ganzheitliche Entwicklung: Unterricht an den individuellen Bildungserfordernissen auszurichten und Aktivität, Teilhabe und eine möglichst selbstständige Lebensführung zu fördern.
Selbstständigkeit muss gelernt werden
Selbstständiges Arbeiten ist keine Voraussetzung für Freiarbeit – es ist selbst ein Lernziel.
Deshalb benötigen viele Schüler*innen zunächst Orientierung und Unterstützung. Wiederkehrende Abläufe, eindeutige Arbeitsplätze, verständlich aufgebaute Materialien sowie visuelle Hilfen können dabei helfen.
An unserer Schule werden beispielsweise Bildkarten, vereinbarte Signale und visuelle Zeitgeber eingesetzt. Sie können verdeutlichen, welche Aufgabe gewählt wurde, wann eine Arbeitsphase beginnt oder endet und welche Schritte noch zu erledigen sind.
Mit zunehmender Sicherheit können Hilfen reduziert und Entscheidungsspielräume erweitert werden. Ziel ist nicht, Unterstützung möglichst schnell wegzulassen, sondern sie so einzusetzen, dass größtmögliche Selbstständigkeit entstehen kann.
Regeln geben Orientierung
Damit individuelles Arbeiten in einer Lerngruppe gelingt, braucht Freiarbeit verlässliche und verständliche Regeln. Dazu gehören beispielsweise:
- Ich wähle eine Aufgabe aus.
- Ich arbeite möglichst selbstständig.
- Ich achte auf die vereinbarten Signale und Arbeitszeiten.
- Ich nehme Rücksicht auf andere.
- Ich hole mir Hilfe, wenn ich sie brauche.
- Ich beende meine Arbeit und räume das Material wieder auf.
Welche Regeln gelten und wie sie dargestellt werden, richtet sich nach der jeweiligen Lerngruppe. Sie können sprachlich, durch Bilder, Symbole oder andere Formen der Visualisierung vermittelt werden.
Lernen sichtbar machen
Auch der Abschluss einer Freiarbeitsphase ist Teil des Lernprozesses. Die Schüler*innen können dokumentieren, womit sie gearbeitet haben, Ergebnisse zeigen oder ihre Arbeit gemeinsam betrachten.
Je nach individuellen Möglichkeiten kann dies durch Gespräche, Präsentationen, Bildkarten, Stempel, Arbeitspläne oder andere Dokumentationsformen geschehen.
So wird nicht nur festgehalten, was bearbeitet wurde. Die Schüler*innen lernen zunehmend, das eigene Arbeiten wahrzunehmen, Entscheidungen nachzuvollziehen und Ergebnisse zu präsentieren.
Die Rolle der Lehrkraft
Offener Unterricht bedeutet nicht weniger pädagogische Begleitung – vielmehr verändert sich die Aufgabe der Lehrkraft.
Sie bereitet Lernumgebung und Materialien vor, beobachtet Lernprozesse, erkennt individuelle Lernmöglichkeiten und Schwierigkeiten und entscheidet, wann Unterstützung notwendig ist. Sie gibt Orientierung, strukturiert, setzt Impulse und zieht Hilfen dort zurück, wo Schüler*innen zunehmend selbstständig handeln können.
Die Beobachtungen während der Freiarbeit können zugleich wichtige Hinweise für die individuelle Förderplanung geben: Welche Aufgaben wählt eine Schülerin? Welche Strategien werden genutzt? Wo gelingt selbstständiges Handeln? Wann wird Unterstützung benötigt? Welche nächsten Lernschritte sind sinnvoll?
Lernen, selbst zu handeln
Freiarbeit verbindet damit fachliches Lernen mit Kompetenzen, die weit über eine einzelne Unterrichtsstunde hinausreichen. Auswählen, entscheiden, beginnen, dranbleiben, Hilfe organisieren, Ergebnisse überprüfen und Verantwortung übernehmen sind Fähigkeiten, die auch für Alltag, Freizeit und späteres Arbeitsleben von Bedeutung sind.
Unser Ziel ist deshalb nicht nur, dass Schüler*innen Aufgaben selbstständig bearbeiten. Sie sollen zunehmend erfahren:
Ich kann auswählen. Ich kann etwas selbst tun. Ich kann Entscheidungen treffen. Ich kann mir Hilfe holen. Und ich kann mein eigenes Handeln mitgestalten.






