Lernen mit Montessori
„Hilf mir, es selbst zu tun“ – dieser bekannte Leitgedanke der Montessori-Pädagogik beschreibt eine Haltung, die auch für das Lernen an unserer Schule von großer Bedeutung ist: Schüler*innen sollen möglichst viel selbst entdecken, ausprobieren, entscheiden und bewältigen können.
In verschiedenen Klassen fließen deshalb Elemente der Montessori-Pädagogik in den Unterricht und insbesondere in die Freiarbeit ein. Dabei kommen sowohl klassische Montessori-Materialien als auch ergänzende Lernmaterialien zum Einsatz.
Im Mittelpunkt steht nicht das Material allein. Entscheidend ist die pädagogische Grundidee dahinter: Lernen soll Eigenaktivität ermöglichen und die Schüler*innen Schritt für Schritt zu größtmöglicher Selbstständigkeit führen.
Die vorbereitete Umgebung
Eine zentrale Bedeutung hat die vorbereitete Umgebung. Materialien haben feste Plätze, sind übersichtlich angeordnet und für die Schüler*innen möglichst selbstständig zugänglich.
Die Lernumgebung wird dabei nicht zufällig eingerichtet. Materialien werden gezielt ausgewählt und so angeboten, dass sie zu den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Entwicklungszielen der Schüler*innen passen.
Eine klare Ordnung unterstützt die Orientierung: Wo finde ich mein Material? Was benötige ich für meine Arbeit? Wo gehört es anschließend wieder hin?
Damit wird bereits die Gestaltung des Lernraums zu einem Teil des pädagogischen Konzepts. Sie soll dazu beitragen, dass Schüler*innen zunehmend selbst handeln können, anstatt bei jedem einzelnen Schritt auf die Hilfe eines Erwachsenen angewiesen zu sein.
Lernen durch eigenes Handeln
Montessori-Materialien sind darauf ausgerichtet, Lerninhalte handelnd und anschaulich erfahrbar zu machen. Viele abstrakte Zusammenhänge werden zunächst durch konkrete Tätigkeiten zugänglich.
Die Schüler*innen können beispielsweise sortieren, ordnen, vergleichen, zählen, zusammensetzen, unterscheiden oder Zuordnungen herstellen. Wahrnehmung, Bewegung und Denken werden dabei miteinander verbunden.
Das ist für unseren Unterricht besonders bedeutsam. Lernwege können sehr unterschiedlich sein. Manche Schüler*innen erschließen sich einen Inhalt zunächst über konkrete Gegenstände und eigenes Handeln, andere arbeiten mit Bildern, Symbolen, Zahlen oder Schrift.
So kann dasselbe Material unterschiedliche Lernprozesse ermöglichen und immer wieder aufgegriffen werden.
Materialien mit einer klaren Struktur
Montessori-Materialien zeichnen sich durch einen klaren Aufbau und eine bewusste Gestaltung aus. Einzelne Eigenschaften oder Lerninhalte werden hervorgehoben, damit sich die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Zusammenhang richten kann.
Viele Materialien ermöglichen außerdem eine Form der Selbstkontrolle. Schüler*innen können dadurch erkennen, ob eine Aufgabe gelungen ist, ohne bei jedem Arbeitsschritt unmittelbar auf die Rückmeldung einer Lehrkraft angewiesen zu sein.
Fehler werden damit nicht nur als etwas betrachtet, das von Erwachsenen korrigiert werden muss. Sie können selbst wahrgenommen werden und Anlass sein, eine Aufgabe noch einmal zu betrachten, einen anderen Lösungsweg auszuprobieren oder sich gezielt Unterstützung zu holen.
Unterschiedliche Lernbereiche entdecken
Die eingesetzten Materialien eröffnen Zugänge zu verschiedenen Lern- und Entwicklungsbereichen.
Dazu gehören unter anderem Sprache und Schrift, Mengen und Zahlen, Wahrnehmung und Sinneserfahrungen sowie lebenspraktische Tätigkeiten. Ergänzende Materialien erweitern das Angebot entsprechend den individuellen Lernzielen der Schüler*innen.
Besonders wichtig ist dabei die Verbindung von konkretem Handeln und zunehmender Abstraktion. Ein Lerninhalt kann zunächst angefasst, bewegt und geordnet werden, bevor er beispielsweise durch Bilder, Symbole, Zahlen oder Schrift dargestellt wird.
Freie Wahl braucht einen verlässlichen Rahmen
Freies Arbeiten bedeutet nicht, dass Schüler*innen mit dem vorhandenen Material allein gelassen werden.
Sie werden zunächst mit Materialien und deren Verwendung vertraut gemacht. Je nach individuellen Möglichkeiten können sie anschließend zunehmend selbst entscheiden, womit sie arbeiten, wie lange sie sich einer Tätigkeit widmen und ob sie allein oder gemeinsam mit anderen arbeiten.
Nicht jeder Schülerin kann diese Entscheidungen von Anfang an vollständig selbstständig treffen. Deshalb kann die Auswahl zunächst begrenzt, visualisiert oder gemeinsam mit einer Lehrkraft getroffen werden.
So viel Selbstständigkeit wie möglich und so viel Unterstützung wie nötig – dieser Grundgedanke bestimmt die Begleitung.
Die Rolle der Pädagog*innen
Die Rolle der Pädagog*innen verändert sich in solchen Lernphasen. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, jeden Arbeitsschritt vorzugeben.
Sie beobachten, führen in Materialien ein, geben gezielte Impulse, unterstützen bei Schwierigkeiten und schaffen Bedingungen, unter denen selbstständiges Lernen möglich wird.
Die genaue Beobachtung ist dabei von besonderer Bedeutung. Sie hilft einzuschätzen, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind, welche Unterstützung benötigt wird und welcher nächste Lernschritt sinnvoll sein kann.
Diese Beobachtungen können zugleich in die individuelle Förderplanung einfließen.
Wiederholen, vertiefen und sicher werden
Ein wichtiger Bestandteil selbstständigen Lernens ist die Möglichkeit zur Wiederholung. Schüler*innen dürfen sich mit einem Material wiederholt beschäftigen und dadurch Handlungsabläufe festigen, Zusammenhänge entdecken und zunehmend sicherer werden.
Dabei bestimmt nicht ausschließlich ein vorgegebenes gemeinsames Lerntempo den nächsten Schritt. Entscheidend ist, was eine Schülerin bereits kann und welche Herausforderung als Nächstes sinnvoll ist.
Das ermöglicht eine Form des Lernens, die unterschiedliche Entwicklungsstände innerhalb einer Lerngruppe berücksichtigt.
Selbstständigkeit als Bildungsziel
Der Einsatz von Montessori-Materialien unterstützt damit nicht nur den Erwerb fachlicher Kenntnisse. Gleichzeitig können Fähigkeiten gefördert werden, die für viele Bereiche des Lebens bedeutsam sind: auswählen, entscheiden, beginnen, sich konzentrieren, wiederholen, Schwierigkeiten bewältigen, Ordnung halten, Hilfe einfordern und eine Tätigkeit zu Ende führen.
Gerade im Förderschwerpunkt ganzheitliche Entwicklung besitzt dieser Gedanke eine besondere Bedeutung. Möglichst selbstständig handeln und eigene Entscheidungen treffen zu können, betrifft nicht nur schulisches Lernen, sondern auch Alltag, Freizeit, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe.
Montessori-orientiertes Arbeiten ist deshalb für uns kein Selbstzweck. Es ist eine Möglichkeit, Schüler*innen dabei zu unterstützen, eigene Fähigkeiten zu entdecken, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen und Schritt für Schritt selbstständiger zu werden.






